Marc Roy

Texte

 

SCHAFFHAUSER magazin 4 / 2015

Die Kunst des Sehens

Im Juni dieses Jahres präsentierten Marc Roy und Gabriela Buff im Thaynger Kulturzentrum «Sternen» erstmals eine gemeinsame Ausstellung. Sie, die Fotografin, er, der Maler: ein Künstlerpaar aus Hallau. Eine Annäherung an zwei besondere Menschen – und ein wenig auch an die Kunst des Sehens.

Wissen Sie, Künstler sind nicht «andere» Menschen. Sie sind in aller individuellen Differenziertheit wie du und ich. Vielleicht sind sie besondere Menschen, was allerdings kein zwingendes Erkennungsmerkmal ist, und auf jeden Fall sind sie mit ihren spezifischen Fähigkeiten zum Künstlertum geboren. So lässt sich das vielleicht ausdrücken. Und das, mit Verlaub, ist sowohl eine wunderbare Gabe als auch möglicherweise eine Last. «Ich kann nicht anders», sagt Gabriela Buff. Und Marc Roy hat entgegen seiner Natur sogar bewusst den Verzicht geübt: «Ich habe drei Monate lang versucht, nicht zu malen – und war unausstehlich.» Kommandiert von den Genen, getrieben vom Wollen, unterjocht von der Wucht der Schaffenskraft? Was auch immer die Ursachen ihres Tuns sein mögen, sie können nicht anders.
Das heisst, ein wenig natürlich schon. Gabriela Buff, die Fotografin, ist ausgebildete Bildtechnikerin und Sozialarbeiterin und arbeitet Teilzeit bei der Kindes- und Erwachsenenschutzbehörde in Schaffhausen, Marc Roy ist ausgebildeter Pflegefachmann, war in etlichen Berufen und Tätigkeiten zu Hause und ist in Zürich in einem Teilzeitpensum in der niederschwelligen Drogenarbeit tätig. Es sind wichtige, von mitmenschlichem Engagement geprägte Tätigkeiten, die von einer sozial geprägten Haltung der beiden künden. Aber davon soll jetzt nicht die Rede sein, obschon das Thema, gesättigt vom politischen Hintergrund, selbstverständlich nicht ohne Reiz ist.
Buff und Roy sind nämlich «pointiert links» und denken damit nicht im Gleichschritt mit der Mehrheit im ländlichen und SVP-geprägten Hallau. Als Aussenseiter fühlen sie sich allerdings nicht, im Gegenteil: Die 1959 in Winterthur geborene Gabriela Buff und der mit Jahrgang 1965 aus Zürich stammende Marc Roy empfinden sogar Heimatgefühle für ihre Wahlheimat. Hier sind sie zu Hause, inzwischen sogar verwurzelt, hier finden sie inspirierende Kraft – und wo Heimat ist, ist natürlich Verbundenheit. Sie engagieren sich für das Dorf, waren aktiv beim öffentlichen Geschehen, arbeiteten für Veranstaltungen, für Bundesfeiern, für das Gemeinwesen. Gabriela Buff sogar auch als Gemeinderätin. Die Hallauerinnen und Hallauer wiederum interessieren sich dafür, was «ihre Künstler» tun (weder Buff noch Roy übrigens verwenden je die Bezeichnung Künstler: Sie sei Fotografin, sagt sie, er bezeichnet sich lediglich als Maler, basta). Bei einer Ausstellung im Dorf kamen sie in Scharen. Und auch das zeigt eigentlich eindrücklich – auf das Künstlerleben bezogen – die Bodenhaftung. Gabriela Buff und Marc Roy flanieren nicht in der Bohème, noch wohnen sie im Elfenbeinturm. Sie sind an der Hauptstrasse daheim.

Die Welt neu sehen
Inspiration, meint Buff, müsse zwar aus einem selbst kommen, aber gleichwohl ist für einen Geist, der Neues schafft, der Wohnort nicht gleichgültig. Wie könnte er auch. Das Hallauer Künstlerpaar pflegt schliesslich, was man die Kunst des Sehens nennen könnte. Buff und Roy haben, auf eigene Weise, einen «besonderen Blick» auf die Dinge, die Umgebung, auf die Landschaft, die Menschen und erfüllen so ein Diktum und eine Definition des Künstlers des deutsch-französischen Schriftstellers René Schickele. «Künstler ist», meinte Schickele, «wer die Welt immer neu sieht wie zum ersten Mal und es vermag, dass auch andere so sehen.» Treffender lassen sich die Kunst des Sehens und deren Umsetzung bei Buff und Roy wahrscheinlich nicht umschreiben.
«Dinge sind nicht einfach schön oder hässlich oder langweilig oder interessant: Es gibt immer noch eine andere Seite», umschreibt Gabriela Buff ihre Art des Sehens. Und: «Alles hat die selbstverständliche Berechtigung, beachtet zu werden».
Nehmen wir ein Beispiel: «Dead end», das Sujet dieser mutmasslich in einer südlichen Stadt liegenden, in die Höhe strebenden Treppe. Wie verlockend wäre es, sie als eingängig-romantischesMotiv abzulichten mit einer bis zur Lieblichkeit schimmernden, vom Sonnenlicht durchtränkten Atmosphäre, wie verführerisch wäre es, hier den gelungenen «Schnappschuss» zu wagen, die touristenträchtige Idylle zu bannen und sich des präsenten Blicks zu rühmen. Nichts da, diesen Weg geht Buff nicht. Sie sieht hinter das Vordergründige, scheinbar Offensichtliche, und ihre Kunst des Sehens offenbart eine andere Welt, eine zum Beispiel, in der das Harmlos-Romantische sein ihm innewohnendes Dunkles preisgibt, gänzlich andere, aber ebenso reale Assoziationen sichtbar werden lässt. Dieses Treppenbild spricht hier (auch) von Abgründen des menschlichen Seins, von einer sowohl lieblichen wie verschlingenden Welt, eben: von der anderen Seite. Exemplarisch für das Wirken der Hallauer Fotografin sind ihre Aufnahmen von «Strukturen», die in Landschaften, in der Architektur, in menschengeschaffener Materie verborgen sind und von der Künstlerin ans Licht geholt werden. Oder in den sichtbar und scharf «gezeichneten» Schwarz-Weiss-Kontrasten. Im Laufe des Gesprächs fällt ein Satz, der mehr als jede Theorie auf den Kern der künstlerischen Arbeit von Gabriela Buff zielt: «Es gibt viele Menschen, die laufen durchs Leben wie ihre Schatten.» Und sie, sie zerrt sie hervor, die Schatten.
Ihre Bilder, bekam Gabriela Buff deshalb schon zu hören, seien «düster». Nun ist diese fröhliche Frau alles andere als ein Trauerkloss, aber die oberflächliche Verführung des Betrachters, das Nette und Niedliche, gehören eben nicht zum künstlerischen Konzept. In ihren Arbeiten, meint Buff, spielten auch die Themen Individuum, Gesellschaft oder Umwelt, «für sie elementare Eckwerte», mit, kurz: eine Haltung, welche die intensive Auseinandersetzung mit Thema und bildnerischer Erscheinung einschliesst. Zur wirklichen Kunst trägt nicht unwesentlich bei, dass der philosophische, der gleichsam interpretatorische Urgrund fast gänzlich verschwindet, alles Lehrhafte und Belehrende fehlt. Hier wird der Betrachter nicht eingeladen, ins Auditorium der Theorie einzutreten, sondern vor ein spannungsreiches, differenziertes Bild. Es mag seltsam klingen, aber dieser Zugang führt wohl auch bei Marc Roy zur Annäherung an die Seele der Bilder. Er ist gewiss der melancholischere Teil dieses Künstlerpaares, in jedem Fall ein Nachdenker und lange Denkender, ohne dass da Pinsel und Farbe überhaupt schon in Griffweite wären. Das Werk muss reifen, unsichtbar, wahrscheinlich in einem grossen Teil auch unbewusst. Es ist die Phase, in der sich Roy mit «dem Thema» befasst. Und dann kommt die Tat hinzu, die Ausführung, gleichsam die Eruption des heiss gelaufenen Urgunds, wo sich der Gedanke zur Bildhaftigkeit verdichtet. Manche seiner Werke sind von elementarer Wucht, was keineswegs nur ein Verweis auf die Gewalt der Natur sein kann, sondern auch ein Beleg der Mal-Art. Aber dieser freundliche Herr Roy, der ein gewinnendes Wesen mit dem konturklaren Profil einer politisch-philosophischen Haltung kombiniert, ist alles andere als ein eindimensionaler Charakter. Was, und deshalb überhaupt gehen wir auch darauf ein, in seinen Werken durchaus zum Ausdruck kommt. Grossflächige Eindringlichkeit ist nämlich in vielen seiner Bilder harmonisch mit filigranen, zarten Elementen verbunden – da ist auch einer, der differenziertes Sehen mit einer vielgestaltigen Darstellung in Einklang bringt. Sagen wir es so: Die Welt ist nicht ganz so einfach, wie sie auf einen flüchtigen Blick erscheinen mag, und Buff und Roy sind zwei Menschen, die dies in ihren Werken exemplarisch zum Ausdruck bringen. Auch um den Preis, auf Widerstand zu stossen. Denn diesen Satz unterstreichen beide gleich zwei- oder dreifach: «Wir wollen nicht das Gefällige abbilden.»

Künstlerischer Freiraum
Den Fehler, Gabriela Buff und Marc Roy künstlerisch in einen Topf zu werfen, werden wir nicht tun. Gemeinsam bleibt indes die stete Suche nach dem Neuen, einer neuen Sicht, einer neuen Aussage. Und gemeinsam scheinen sie den nicht einfachen Weg zwischen künstlerischer Schaffenskraft und einem weitgehend harmonischen Leben in der Hallauer Gemeinschaft sehr erfolgreich zu meistern. Vielleicht, weil Nachteile manchmal auch Vorteile mit sich bringen. Die ökonomische Notwendigkeit, neben der Arbeit für die Kunst noch in «angestammten Berufen» arbeiten zu müssen, absorbiert zwar von der eigentlichen Bestimmung, wenn dieses Wort überhaupt erlaubt ist, ermöglicht allerdings auch Freiraum. Sie werden weiterhin ihren Weg ihres besonderen Sehens gehen. Und wir werden davon hören.

Jörg Riser

 

Zur Ausstellung Nudel 26, 2012

Wie ein ätherisches Wesen, scheint dasHerzstück der Ausstellung von Vincenzo Baviera und Marc Roy im Raum zu schweben. Es handelt sich um einen Zweischaren-Brabant-Pflug. Ein Werkzeug, welches bereits in prähistorischer Zeit in damals archaischer Form den Menschen treuen Dienst geleistet hat, indem es dabei half, die Erde für die Landwirtschaft nutzbar zu machen. Gleich einem Relikt vergangener Zeiten, einem Objekt welches es zu konservieren gilt, wird der Pflug von einer Vitrine geschützt und erhält dadurch einen musealen Charakter. Indem sich seine Scharen tief in die Erde graben und auf die Überreste längst vergessener kultureller Güter stossen, dient er als Sinnbild unserer existentiellen Vergangenheit. Er steht für die Idee, welche die beiden Künstler in der Ausstellung thematisieren: Die Vergangenheit birgt den Grundstein des Jetzt. Wir müssen sie kennen, um die Gegenwart zu verstehen. Als Künstler fühlen sich Baviera und Roy dafür verantwortlich, Erinnerung zu generieren.

Bei Objekten und Bildern, deren Anblick uns heute ein Bild der Vergangenheit verschafft, handelt es sich nicht selten um Artefakte von Künstlern vergangener Kulturen. So dient uns die Höhlenmalerei als Indiz für die Lebensbedingungen, welche 30‘000 Jahre vor unserer Zeit herrschten. Durch diese Darstellungen erhalten wir eine Vorstellung davon, wie es damals zu und her gegangen sein muss. Was werden aber Generationen nach uns noch über uns wissen? Lassen wir genügend Informationsmaterial bestehen, bzw. geben wir genügend Informationen weiter, die in Zukunft von Bedeutung sein werden? Sind wir überhaupt fähig, die Daten technischer Neuerungen fortlaufend zu konservieren?

Den beiden Künstlern stellt sich beispielsweise nicht die Frage, ob die Technik des geplanten Atomendlagers in ihrer Wohnregion genug ausgereift ist, sondern ob man in tausenden von Jahren überhaupt noch wissen wird, was ein Endlager überhaupt ist und wie man damit umgehen soll. Worum handelt es sich dabei und warum wurde das Material so tief vergraben? Auf diese Vision verweisen in der Ausstellung neben dem Pflug auch zwei metallene Kreise. Es handelt sich dabei um Deckel von ausgedienten Heizölspeichern, deren Zentren herausgeschnitten wurden. Ihre Form erinnert an jene einer riesigen Iris, welche den Lichteinfall ins Auge reguliert. Als Metapher stehen sie für das Wissen um zukünftige Geschehnisse. Sie sehen, was nach unserer Generation passieren wird. Dieses Geheimnis wahren sie in ihrer schweren, statischen Form, während wir als Betrachter nur darüber spekulieren können.

Die heutige Technik entwickelt sich mit rasanter Geschwindigkeit und lässt unseren Verstand hinterher hinken. Wir bringen es nicht mehr fertig, gegen diese Schnelllebigkeit anzutreten und unsere Gegenwart auf schlaue Weise zu reflektieren. Fortwährend wird neues Wissen generiert, während Vergangenes in Vergessenheit gerät. Das Wissen entgleitet uns und versandet in seiner Zeit. Die Verantwortung, Informationen für weitere Generationen über unermesslich weite Zeiträume zu erhalten, scheint nicht relevant zu sein und steht in der Reihe weit hinter dem sofortigen Profit technologischen Fortschritts an.

Vincenzo Baviera und Marc Roy weisen mittels ihrer Arbeit auf diesen Wissensverlust hin. Ihre Idee ist es, die Fähigkeit des Erinnerns zu kultivieren um dem Vergessen und Verdrängen entgegen zu wirken: „Die Zukunft liegt in der Erinnerung, denn nur wer Geschichte hat, hat Boden unter den Füssen!“

Jeannette Polin

 

Il grande errore, 2009

Das Fundament von Il grande errore bricht einerseits ein und wird in der Mitte gespalten. Durch den Pflug mit seiner Symbolik entsteht eine Zeitachse, die mit dem Fundament unweigerlich in Bezug und in Konflikt gerät. Dadurch soll die Arbeit eine Chronologie erhalten.

Durch das Einbrechen des Pflugs inmitten einer Umgebung, in der er seine Funktionen unmöglich mehr wahrnehmen kann, steht er für eine Absurdität, die das Nicht-beabsichtigte, das nicht-wissen-können und darum das nicht verantwortbar gemachte menschliche Handeln symbolisiert. Das Nicht-wissen, nicht-erkennen-können, was die beabsichtigte Handlung für Konsequenzen hat, wird im Werk dadurch zur unbeabsichtigt fatalen Handlung.

Durch das eingesetzte Material bei der Erarbeitung des Fundaments entsteht eine Dichte, die den Widerspruch, etwas für die Ewigkeit bauen zu wollen – aber genau an diesem Anspruch scheitert – aufgreifen soll. Das Fundament erlebt das Scheitern seines Zwecks durch das Einbrechen und gespalten werden und dem aktiven, aus seiner Tiefe stammenden Licht.
Der Raum des Fundaments bricht ein und gibt sein Innenleben preis. Der an sich geschlossene Raum verliert dadurch seine Funktion. Die anno dazumal im Fundament aufgebaute beabsichtigte Sicherheit wird – da der Irrtum nicht möglich schien – zum Gegenteil, zur Unsicherheit und damit zur Gefahr. Mit dem Licht, das vom Grund des Fundaments strahlt, wird die Unkontrollierbarkeit der entstandenen Situation Tatsache. Das Entweichen der vorher eingeschlossenen Materie wird so zur Gefahr: Sie ist nun unkontrolliert, sie ist frei.

Il grande errore steht für einen Versuch, der dokumentiert, dass das menschliche Sein mit dem Irrtum einhergeht. Dass Entwicklungen, welche auf dem menschlichen Tun basieren, die keinen oder wenig Irrtum erlauben, oder in ihrem Selbstverständnis meinen, auf den Irrtum verzichten zu können, in der letzten Konsequenz zur Katastrophe führen kann (da auch wir uns irren können).